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Genitalverstümmelung: Hilfe für Mädchen und Frauen

Dtsch Arztebl 2015; 112(13): A-570 / B-484 / C-472
THEMEN DER ZEIT
Korzilius, Heike

125 Millionen Mädchen und Frauen weltweit sind an ihren Genitalien verstümmelt. Die meisten leben in Afrika. In Deutschland geht man von 25 000 Betroffenen aus. In einem Berliner Krankenhaus finden Frauen medizinische und psychosoziale Hilfe.

Krankenhaus Waldfriede: Im Desert Flower Center kümmert man sich ganzheitlich um Opfer weiblicher Genitalverstümmelung. Fotos: Georg J. Lopata
Krankenhaus Waldfriede: Im Desert Flower Center kümmert man sich ganzheitlich um Opfer weiblicher Genitalverstümmelung. Fotos: Georg J. Lopata

Eine gediegene Wohngegend im Südwesten von Berlin, alte Bäume säumen die Straßen, Schlachten- und Wannsee sind nah. Auf einem weitläufigen Gelände im Stadtteil Zehlendorf liegt das Krankenhaus Waldfriede. Gleich am Eingang lächeln eine junge Frau und ein Mädchen von einem großflächigen Plakat: Willkommen im „Desert Flower Center“. Seit eineinhalb Jahren gibt es die Einrichtung. Sie ist die einzige in Deutschland, die sich ganzheitlich um die Opfer von weiblicher Genitalverstümmelung kümmert.

Desert Flower, Wüstenblume – der Name geht auf die Stiftung des ehemaligen somalischen Models Waris Dirie zurück, mit der die Berliner Einrichtung kooperiert. Dirie hatte 1997, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, in einer Autobiografie das traumatische Erlebnis der eigenen Genitalverstümmelung geschildert. Seither engagiert sie sich über ihre Stiftung und als Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen im Kampf gegen diese „unmenschliche Praxis“. Ihr Ziel ist, dass allen Mädchen und Frauen, die Opfer weiblicher Genitalverstümmelung geworden sind, die Hilfe zuteil wird, die sie benötigen.

Frauen wie R. M. Die Somalierin hat im Bürgerkrieg in dem ostafrikanischen Land ihre Eltern verloren, die beiden Kinder wurden vor ihren Augen von einer Bombe zerfetzt, sie selbst wurde mehrfach vergewaltigt, bevor ihr schließlich die Flucht nach Deutschland gelang. R. M. ist schwer traumatisiert, als sie ins Berliner „Desert Flower Center“ kommt. Dorthin hat man sie überwiesen, um die Spätfolgen einer Beschneidung zu behandeln, der sie im Alter von sieben Jahren unterzogen wurde. Sie kann ihren Urin nicht mehr halten, außerdem leidet sie an einem Rektumprolaps. „Frau M. konnte nicht mehr sitzen. Sie wollte nichts mehr essen, damit sie nicht abführt“, schildert Dr. med. Cornelia Strunz den Fall. Die Chirurgin ist erste Ansprechpartnerin für die Patientinnen, die im „Desert Flower Center“ Beratung und Hilfe suchen. Die Somalierin wurde schließlich im Krankenhaus Waldfriede operiert. Den Eingriff führte Strunz Chef, Dr. med. Roland Scherer, durch, der dort das Zentrum für Darm- und Beckenbodenchirurgie leitet. „Frau M. gehört zu einer Gruppe Flüchtlinge, die eigentlich nicht in Deutschland bleiben dürfte, weil sie über ein sicheres Herkunftsland eingereist ist“, erklärt Scherer. Doch aufgrund medizinischer Gutachten sei es zu einer Gütefallregelung gekommen. Die ehemalige Analphabetin finde jetzt allmählich ins Leben zurück. Sie lerne Lesen, Schreiben und Deutsch. Wichtig ist Scherer der ganzheitliche Therapieansatz, den man im „Desert Flower Center“ verfolgt. „Es geht nicht darum, nur zu operieren, sondern auch Sozialdienst und Seelsorge einzubeziehen“, sagt der Chirurg.

Nicht gleich eine OP

Nach Schätzungen der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) leben in Deutschland 20 000 bis 30 000 Frauen, die an ihren Genitalien verstümmelt wurden. „Die Dunkelziffer ist hoch“, betont Chirurgin Strunz. Das „Desert Flower Center“ Berlin hat bisher 52 Frauen behandelt. „Nur 27 von ihnen haben wir operiert“, erklärt Strunz. Wie Scherer betont auch sie, dass nicht jede Frau eine Operation wünscht. „Es kommen Patientinnen, die zuerst einmal eine Beratung möchten, die die Hilfe unserer Seelsorgerin oder psychosoziale Unterstützung brauchen oder sich in unserer Selbsthilfegruppe austauschen wollen.“

Roland Scherer: Das Berliner Zentrum für genitalverstümmelte Frauen verdankt sein Entstehen auch seiner Freundschaft mit Waris Dirie.
Roland Scherer: Das Berliner Zentrum für genitalverstümmelte Frauen verdankt sein Entstehen auch seiner Freundschaft mit Waris Dirie.

Die meisten Patientinnen stammen aus Afrika, leben aber schon länger in Deutschland. Sie finden ihren Weg ins „Desert Flower Center“ durch Mundpropaganda oder humanitäre Organisationen, manche auch auf Hinweis ihrer Gynäkologen. „Fast allen Frauen fällt es allerdings extrem schwer, offen über ihre Genitalverstümmelung zu sprechen“, sagt Strunz. „Meistens bin ich die allererste Person, mit der sie jemals darüber geredet haben.“ Das Thema sei in den Herkunftsfamilien und selbst unter Freundinnen ein Tabu.

Cornelia Strunz nimmt sich viel Zeit für ihre Patientinnen. Kommuniziert wird auf Deutsch, Englisch oder per Dolmetscher.
Cornelia Strunz nimmt sich viel Zeit für ihre Patientinnen. Kommuniziert wird auf Deutsch, Englisch oder per Dolmetscher.

Das bestätigt auch die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes, die sich für die weltweite Abschaffung dieser Form der Gewalt gegen Frauen einsetzt. In den Gesellschaften, die in Teilen Afrikas, Asiens und im Süden der arabischen Halbinsel Mädchen und Frauen an ihren Genitalien verstümmeln, gilt die Praktik als Vor-aussetzung für die Aufnahme in die Gemeinschaft und für eine Heirat. Die Religionszugehörigkeit spielt dabei keine Rolle.

Die Rechtfertigung der Genitalverstümmelung variiert Terre des Femmes zufolge von Ethnie zu Ethnie. Sie beruhe zumeist auf patriarchalen Strukturen und der Unkenntnis medizinischer Fakten. Denn die Folgen der Beschneidung, die in der Regel ohne Narkose und unter unhygienischen Bedingungen durchgeführt wird, können dramatisch sein: Die WHO geht davon aus, dass bis zu 25 Prozent der betroffenen Mädchen und Frauen an den direkten oder langfristigen Folgen der Genitalverstümmelung sterben (siehe Kasten). Die Folgen für die Überlebenden ähnelten denen der Opfer von Vergewaltigungen oder Folter.

„Das ist ein Ritual, das zum Leben dazugehört, über das man aber nicht spricht“, fasst Strunz es zusammen. Um betroffenen Frauen einen niedrigschwelligen Zugang zur Hilfe zu ermöglichen, trägt die Chirurgin ihr Telefon immer bei sich. „Da ist niemand dazwischengeschaltet, was die Frauen als sehr positiv empfinden.“ Für das erste Gespräch nehme sie sich viel Zeit, manchmal bis zu zwei Stunden. „Ich versuche herauszufinden, wie wir am besten helfen können, ob es der Patientin in erster Linie darum geht, psychosozial aufgefangen zu werden oder ob es wirklich um eine Operation geht.“ Wünsche die Frau eine OP, sei es wichtig, sie umfassend aufzuklären, um mit Blick auf das mögliche Operationsergebnis keine unrealistischen Erwartungen zu wecken. Außerdem gelte es auszuschließen, dass die Patientin „ihre Lebensprobleme auf diese Operation projiziert“, meint Scherer. „Wir haben viele Operationen zurückgestellt, weil dem Wunsch nach einem Eingriff Probleme zugrunde lagen, die dadurch nicht gelöst werden konnten.“ Das Team im „Desert Flower Center“ setzt sich deshalb interdisziplinär zusammen: Neben Scherer und Strunz sind der Plastische Chirurg Dr. med. Uwe von Fritschen vom Helios Klinikum Emil von Behring, ein Urologe, ein Gynäkologe, aber auch ein Psychologischer Psychotherapeut, eine Pädagogin und eine Pastorin in die Behandlung eingebunden.

Weiblichkeit zurückerlangen

„Die meisten Frauen möchten durch eine Operation ihre Weiblichkeit zurückerlangen“, erläutert Strunz. „Sie fühlen sich verstümmelt und schämen sich dafür, dass sie anderes aussehen als andere Frauen. Viele haben auch Schmerzen.“ Die meisten Patientinnen wünschten eine Rekonstruktion ihrer Klitoris. Bei einer Typ-I- oder Typ-II-Beschneidung habe sich in der Regel dort, wo normalerweise die Klitoris liege, eine breite Narbenplatte gebildet. „Die Beschneiderinnen sind ja meist ältere Frauen, die nicht mehr richtig gucken können, und dann mit einer Glasscheibe Klitoris und oft auch die kleinen und großen Schamlippen herausschneiden.“ Meist könne man unter der Narbenplatte noch einen Rest der Klitoris tasten, weil nur der äußerlich sichtbare Teil entfernt worden sei. Den Rest könne man in der Regel rekonstruieren.

Die Kosten für die Operation sowie für die Vor- und Nachsorge übernimmt für gesetzlich krankenversicherte Patientinnen die jeweilige Krankenkasse. Alle anderen Eingriffe werden über Spenden finanziert. „Eine OP kostet zwischen 2 000 und 10 000 Euro, je nachdem wie aufwendig die Rekonstruktion ist“, erklärt Chefarzt Scherer. Profit erziele das Zentrum damit nicht. Operiert werde nur nach klarer Indikation, zum Beispiel bei körperlichen Beeinträchtigungen, Schmerzen oder Körpergefühlsstörungen. „Wir behandeln hier keine Lifestyle-Probleme“, betont Scherer.

Doch der Chirurg weiß auch, dass es Kollegen häufig schwer fällt, mit betroffenen Frauen über deren genitale Verstümmelung zu sprechen. „Manche fühlen sich überfordert“, sagt auch Strunz und schildert den Fall einer Patientin, die erst im Alter von Anfang 30 erfahren hat, dass sie als Kleinkind infibuliert wurde. „Ihr Gynäkologe hat sie darauf nie angesprochen. Und da sie keine sexuellen Kontakte hatte, hat sie sich darüber keine Gedanken gemacht.“ Die Frau habe sich jetzt an das „Desert Flower Center“ gewendet, weil sie mittlerweile einen Partner habe, mit dem sie sich Kinder wünsche. Angesichts der Schwere der Verstümmelung sei das ohne medizinische Hilfe unmöglich. Ärzten, die betroffene Frauen betreuen, rät Strunz, diese direkt anzusprechen, wenn sich die Gelegenheit ergibt, in jedem Fall aber Informationsmaterial im Wartezimmer aufzustellen. „Denn viele Frauen wollen erst einmal anonym bleiben.“

In Deutschland gilt die weibliche Genitalverstümmelung seit 2013 als Verbrechen (§ 226 a Strafgesetzbuch). Bereits seit 2005 ist sie im Asylverfahrensgesetz als geschlechtsspezifische Verfolgung und damit als Fluchtgrund anerkannt. Ob Frauen aufgrund einer drohenden Genitalverstümmelung im Herkunftsland Asyl gewährt wird, hängt allerdings immer vom Einzelfall ab. Zahlen über Anerkennungsraten für Deutschland liegen nicht vor. Schutz und Strafverfolgung allein reichen nach Ansicht der Agentur der Europäischen Union für Gleichstellungsfragen (EIGE) nicht aus, um die Praxis wirksam zu bekämpfen. Strategien könnten nur dann erfolgreich sein, wenn sie mit präventiven Maßnahmen verknüpft und betroffene Gesellschaftsgruppen einbeziehen würden. Im April will die Agentur eine Studie vorlegen, die sich mit der Situation von Mädchen in der EU befasst, die von Genitalverstümmelung bedroht sind – zumeist dann, wenn sie während der Ferien in die Herkunftsländer gebracht werden. Denn trotz der schwierigen Datenlage zur Prävalenz der weiblichen Genitalverstümmelung gibt es EIGE zufolge keine Belege dafür, dass Mädchen in der EU an ihren Genitalien verstümmelt werden.

Zufrieden: Cornelia Strunz mit den beiden ersten Patientinnen des „Desert Flower Center“. Foto: Cornelia Strunz
Zufrieden: Cornelia Strunz mit den beiden ersten Patientinnen des „Desert Flower Center“. Foto: Cornelia Strunz

Ähnlich wie die Agentur glaubt auch Terre des Femmes, dass man mit Strafverfolgung allein den Kampf gegen die menschenverachtende Praxis nicht gewinnen kann. Die Hälfte der 28 afrikanischen Staaten, in denen Genitalverstümmelung verbreitet sei, habe die Praxis verboten, so die Frauenrechtsorganisation. Gesetze zeigten jedoch nur dann Wirkung, wenn sie von Aufklärungskampagnen begleitet würden und auch den (hoch angesehenen) Beschneiderinnen alternative Einkommensmöglichkeiten geboten würden. In Burkina Faso sei es auf diese Weise gelungen, die Zahl der Genitalverstümmelungen um rund 30 Prozent zu senken, während im Sudan, dem ersten afrikanischen Staat, der per Gesetz gegen die Praxis vorgegangen ist, die Beschneidungsrate noch immer bei knapp 90 Prozent liege.

Der Widerstand wächst

Doch der Widerstand gegen weibliche Genitalverstümmelung wächst, nicht nur in den betroffenen Gesellschaften. Auch international erhöht sich der Druck. Zuletzt forderte die Generalversammlung der Vereinten Nationen 2012 in einer Resolution die Abschaffung der Praxis, die sie zuvor bereits als Menschenrechtsverletzung eingestuft hatte. Angesichts dessen, dass inzwischen 18 Prozent aller Verstümmelungen in den betroffenen Ländern von Ärzten oder Krankenschwestern vorgenommen werden, forderte die WHO bereits im Jahr 2010 medizinisches Personal auf, sich daran nicht zu beteiligen (siehe „Wichtig sind Kultursensibilität und Respekt“ in diesem Heft).

Chefarzt Scherer bleibt derweil pragmatisch: „Wir können nicht die Welt retten. Wenn wir die Frauen hier gut medizinisch und psychosozial betreuen, haben wir schon viel geleistet.“

Heike Korzilius

@Sibylle Schreiber von Terre des Femmes zum Engagement gegen weibliche Genitalverstümmelung:
www.aerzteblatt.de/n62201

FGM und die Folgen

Nach der Klassifikation der Welt­gesund­heits­organi­sation unterscheidet man bei der weiblichen Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM) vier Formen:

Direkte Folgen von FGM sind neben großen Schmerzen oft schwere Blutungen und Schockzustände. Unter unhygienischen Umständen kann es zu Blutvergiftungen und Tetanus kommen. Es besteht die Gefahr einer HIV- oder Hepatitisinfektion. Zu den langfristigen Folgen gehören neben psychischen Traumata und Depressionen chronische Infektionen und Unfruchtbarkeit. Wasserlassen, Geschlechtsverkehr und Geburt können erschwert werden.

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