Dtsch Arztebl 2009; 106(30): A-1519 / B-1299 / C-1267
Arztserien: Von Dr. House kann man lernen
MEDIEN
![]() Zwar kein
menschliches
Vorbild, aber in
fachlicher Hinsicht
sehr lehrreich:
Dr. House
Foto: RTL
Wie Ärzte und Krankenhäuser sind, erfahren viele Menschen vor allem aus dem Fernsehen. Rund 30 Arztserien, viele davon als Retorte, laufen derzeit über die deutschen Fernsehkanäle. Doch welchen Einfluss hat das auf die Medizin selbst? Sollten sich Mediziner mit dem manipulierten Arztbild – von Professor Brinkmann bis Dr. House – befassen, um auf ihre entsprechend vorgeprägten Patienten vorbereitet zu sein? Die Hochschulmediziner in Deutschland nehmen dieses Thema ernst, denn eine Sitzung ihres 5. Innovationskongresses, der Anfang Juli 2009 in Berlin stattfand, war den Kollegen auf der Leinwand gewidmet. Das Fazit: Warum Arztserien, vor allem solche mit schrägen Charakteren, derart beliebt sind, vermochte keiner wirklich zu erklären. Aber warum sollte man sich diese Beliebtheit nicht zunutze machen und TV-Ärzte in den medizinischen Unterricht für Studenten und in die Gesundheitsaufklärung einbeziehen? Infrage kommt dafür vor allem einer: US-Fernseharzt „Dr. House“, vom deutschen Zuschauer jüngst zum beliebtesten Fernseharzt gekürt und absoluter Quotenkönig vor allem bei jüngeren Zuschauern, aber auch ein exzellenter Diagnostiker, wie der Marburger Kardiologe Prof. Dr. Jürgen Schäfer findet. Er bietet seinen Studierenden ein freiwilliges Dr.-House-Seminar an, das sich regen Zuspruchs erfreut. Denn in der Serie werden seltene Krankheitsfälle mit zahlreichen Differenzialdiagnosen durchdekliniert und mögliche Ursachen anschaulich und umfassend von Dr. House und seinem Team abgewogen. Eine Evaluation durch kritische Gießener Kollegen hat nun gezeigt, dass House-Studenten im Vergleich mit einer studentischen Gruppe, die herkömmliche Lehrveranstaltungen besuchte, tatsächlich profitieren: Motivation, Interesse und Lernerfolg nahmen bei der House-Gruppe stärker zu, auch wenn die Studierenden selbst daran Zweifel hatten, dass Dr.-House-Fälle tatsächlich für ihr weiteres Berufsleben von hoher Bedeutung sein dürften. Künftige Patienten müssen indes keine Sorge haben: Als persönliches Vorbild lehnen die Studenten den unleidlichen Zyniker vollständig ab. Schäfer will jedoch beim wöchentlichen Dr.-House-Seminar nicht haltmachen. Warum sollte man für den Unterricht nicht generell stärker auf den Fundus an unterhaltsamem und informativem Filmmaterial zurückgreifen, das in den Fernseharchiven schlummert, und eine nationale Mediathek einrichten? Diese könnte dann – bundesweit einheitlich – standardisierte Kasuistiken und Lehrfilme anbieten und so die föderal zersplitterte medizinische Lehre auf einen Nenner bringen. Denn warum soll der Student in München etwas anderes lernen als der in Marburg? Große Vorteile sieht Schäfer bei den moderierten TV-Seminaren gegenüber dem einsamen E-Learning von Kasuistiken zu Hause am PC, denn „Studierende brauchen Führung“. Der didaktische Effekt von TV-Unterhaltungsmedizin könne auch für die Gesundheitsinformation der Bevölkerung genutzt werden, berichtete Dr. Constanze Rossmann, Kommunikationswissenschaftlerin an der Universität München. Sie hat in einer Studie untersucht, ob Zuschauer durch Episoden der TV-Serie „Lindenstraße“, die sich mit der Prävention einer HIV-Infektion befassen, mehr lernen als durch herkömmliche Gesundheitsinformationen. Auch hier zeigte sich: Zuschauer behalten mehr Inhalte, wenn sie diese in unterhaltsamer Weise und anhand von Charakteren mit bestimmtem Rollenverhalten dargeboten bekommen. Soviel zu den positiven Effekten. Ansonsten erzeugen die Dramen und Verwicklungen der TV-Ärzte eher ein überzeichnetes Bild vom medizinischen Alltag. Liebhaber von Ärzteserien haben, wohl aufgrund von falschen TV-Erfahrungen, mehr Angst vor Operationen und sind unzufriedener mit den Visiten, ergab die Studie von Prof. Dr. Dr. med. Kai Witzel, Leiter eines Zentrums für minimalinvasive Chirurgie in Hünfeld, der seine Patienten dazu befragt hatte. Er empfiehlt, dass sich die Ärzte auf das TV-verzerrte Bild vom guten Arzt einstellen und der Visite mehr Zeit einräumen. Annette Tuffs |
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