ArchivDeutsches Ärzteblatt43/2019Digitale Medizin: Antworten auf Zukunftsfragen finden

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Digitale Medizin: Antworten auf Zukunftsfragen finden

Dtsch Arztebl 2019; 116(43): A-1931 / B-1585 / C-1553

Krüger-Brand, Heike E.

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Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn wirbt für Vertrauen in die Maßnahmen seines Ministeriums zur Beschleunigung der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Fotos: Georg J. Lopata
Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn wirbt für Vertrauen in die Maßnahmen seines Ministeriums zur Beschleunigung der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Fotos: Georg J. Lopata

Der digitale Wandel berührt viele Kernbereiche des ärztlichen Berufsbildes und der Medizin. Die Ärzte wollen sich mehr denn je in die weitere Ausgestaltung aktiv einbringen und die medizinische Patientenversorgung durch Digitalisierung voranbringen.

Die Digitalisierung hat perspektivisch das Potenzial, Prozesse und grundsätzliche Prinzipien der gesundheitlichen Versorgung zu verändern. Diese Veränderungen werden aber nur dann zu Verbesserungen führen, wenn Ärzte und Patienten Vertrauen in diese neuen Strukturen und Abläufe entwickeln können.“ Das betonte Dr. med. (I) Klaus Reinhardt, Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), zur Eröffnung der Tagung „BÄK im Dialog – Die Vertrauensfrage in der digitalen Medizin“ am 17. Oktober in Berlin. Ärzte müssten dafür Sorge tragen, dass sich der Ausbau digitaler Strukturen an den Bedürfnissen ärztlichen Handelns und der Patientenversorgung orientiere und nicht an Marktinteressen von Technologiekonzernen und digitalen Plattformen. Für den Ausbau der Digitalisierung im Gesundheitswesen seien eine Gesamtstrategie und auch ein Ordnungsrahmen erforderlich, der sowohl politische, rechtliche, aber auch ethische Aspekte umfasst, forderte er. „Es ist Aufgabe der Politik, einen solchen Rahmen zu schaffen.“

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Um Vertrauen zu schaffen, seien Parameter wie kluge Verfahren, gute Debatten und sich daraus legitimierende Entscheidungen notwendig, ebenso die Beteiligung in Gremien der Selbstverwaltung, erwiderte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU). Er appellierte an die Ärzte, auch nach der Neuaufstellung und Umstrukturierung der für die Tele­ma­tik­infra­struk­tur verantwortliche Betriebsgesellschaft gematik konstruktiv in der Sacharbeit zu sein. Mit der Neuaufstellung der gematik sei es gelungen, auch ein Stück neuen „spirit“ in die Institution zu bekommen, meinte Spahn. Zudem ging er in seiner Keynote auf einige Herausforderungen des digitalen Wandels ein.

Ein wichtiger Aspekt für Vertrauen sei das Thema der Datensicherheit. Der Skandal um ungeschützte, leicht zu hackende PACS-Server sei kein Problem der Rechtsetzung. Das Recht sei eindeutig, was die Frage nach dem Schutzniveau solcher sensiblen Daten angehe. „Die Zeiten, wo vielleicht der Cousin nebenbei die IT-Wartung in der Praxis gemacht hat, sind vorbei“, erklärte Spahn. Die Verantwortung liege zunächst beim Arzt, Apotheker oder Krankenhaus, die entsprechende Schutzstandards einhalten müssten. Es gelte, zu sensibilisieren und entsprechende Unterstützung aus der Selbstverwaltung etwa für die einzelne Praxis zu leisten.

Ähnlich argumentierte er auf Nachfrage auch im Hinblick auf die Gesundheits-App Ada. Diese war zuletzt in Verdacht geraten, ohne Wissen des Nutzers Daten an Analyse- und Trackingfirmen im Ausland weitergeleitet zu haben. „Diejenigen, die das entsprechende Angebot machen, müssen jetzt aufklären und informieren, ob sie sich an geltendes Recht halten oder nicht.“

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Mit Blick auf das geplante Digitale Versorgung-Gesetz (DVG), das einen Tag zuvor Gegenstand der Anhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestages war und sich auch mit Gesundheits-Apps befasst hatte, betonte Spahn: „Ich weiß, wir betreten hier Neuland. Wir werden das erste Land auf der Welt sein, in dem das gesetzliche System App auf Rezept möglich macht.“ Auch dabei solle der Nutzen nachgewiesen werden. Sehr bewusst beginne man daher mit den geringeren Risikoklassen. Es gehe darum, Erfahrungen zu sammeln.

Zudem verwies Spahn darauf, dass der Arzt nicht gezwungen werde, Apps zu verschreiben. „Es zwingt Sie keiner, ein Rezept für eine App auszustellen, von der Sie nicht glauben, dass sie hilft.“ Das DVG sehe vor, ein Verfahren und eine Rechtsverordnung auf den Weg zu bringen, über die zu klären sei, wie etwa Nutzen und Funktionalität von digitalen Anwendungen geregelt werden sollen. „Ich möchte bei einer App, die mit einer Insulinpumpe verbunden ist, wo die App sozusagen ärztlich ersetzend entscheidet, wie viel Insulin gepumpt wird, schon wissen, welcher Algorithmus dahinter steckt“, betonte Spahn. Daher werden die Verfahren auch weiterentwickelt werden müssen.

„Code of Conduct“ für das Gesundheitswesen

Im Hinblick auf den Datenschutz und die Frage, wer Zugriff auf die Daten hat, warb Spahn dafür, einen „Code of Conduct“ für das Gesundheitswesen innerhalb der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) zu entwickeln. Dies wolle man auch im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft im nächsten Jahr zum Thema machen. Viele seien unsicher, was die DSGVO für Gesundheitsdaten bedeute. „Wenn es uns gelänge, einheitlich einen Rahmen gezielt für Gesundheitsdaten auf europäischer Ebene zu formulieren, gibt es auch Sicherheit und Vertrauen für diejenigen, die mit Daten umgehen müssen.“

Zur Vertrauensvoraussetzung gehört ihm zufolge auch die Frage der digitalen Kompetenz, sowohl bei den Patienten und Bürgern als auch in den Berufen. Derzeit würden alle Gesundheitsberufe daraufhin geprüft, welche Inhalte gelehrt werden. „Die Zahnarztapprobationsordnung stammt noch aus den 1950er-Jahren“, monierte der Minister. Ebenso werde die ärztliche Approbationsordnung einbezogen.

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„Vertrauen wächst auch, indem es im Alltag besser wird“, meinte Spahn. Den großen Widerstand gegen die Anbindung der Arztpraxen an die Tele­ma­tik­infra­struk­tur gebe es unter anderem auch, weil bis jetzt im Alltag für Ärzte und Patienten kein Mehrwert spürbar sei und die Anwendungen fehlten. Wichtig sei daher, sukzessive Anwendungen wie die elektronische Patientenakte einzuführen, auch wenn diese nicht gleich perfekt seien. Apps könnten ebenfalls „einen positiven Unterschied“ machen, etwa in der psychotherapeutischen Versorgung, wie Studien belegen würden. Das schaffe Vertrauen, betonte er. Zu einer guten Versorgung gehörten immer auch die zwischenmenschliche Kommunikation und die Interaktion als Kernbestandteil von Verantwortung und Vertrauen. Wenn das Digitale nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung wahrgenommen werde, „dann kann daraus etwas Gutes werden“, so sein Fazit.

Schnelligkeit des digitalen Wandels

Die Veränderung des digitalen Wandels in der Medizin unterscheide sich von den vorangegangenen Veränderungen insbesondere durch die Geschwindigkeit, die von der Ärzteschaft in der Vergangenheit zunächst unterschätzt worden sei, meinte Dr. med. Peter Bobbert, BÄK-Vorstandsmitglied und Ausschussvorsitzender „Digitalisierung der Gesundheitsversorgung“ der BÄK. Spätestens seit dem Deutschen Ärztetag 2017 in Freiburg gab es ihm zufolge den berufspolitischen Wendepunkt zur Digitalisierung und den Willen der Ärzte, den digitalen Wandel zu gestalten. Gemeinsames Ziel dabei sei, dass „die digitale Medizin von Morgen nicht nur eine andere, sondern auch eine bessere ist“, hob er hervor. Diese Aufgabe sei komplex und schwierig.

Vor diesem Hintergrund hat die BÄK in den vergangenen Monaten in Werkstattgesprächen über die Weiterentwicklung der ärztlichen Patientenversorgung durch Digitalisierung diskutiert. Bobbert formulierte einige daraus abgeleitete Kernfragen: „Schon heute unterstützt künstliche Intelligenz (KI) die menschliche Diagnosefindung und Therapieentscheidung. Wo hört die Unterstützung für den Arzt durch KI auf, und wo beginnt bereits die Substitution der ärztlichen Tätigkeit?“ Mit Blick auf das ökonomieorientierte US-amerikanische Modell einerseits und das primär kollektiv orientierte chinesische System auf der anderen Seite: „Müssen wir ethische Leitgedanken für die digitalisierte Medizin in Europa formulieren?“ Vor dem Hintergrund der Geschwindigkeit der Digitalisierung, die das ärztliche Prinzip des „Primum non nocere“ verunmögliche: „Sollten wir digitale Anwendungen erst dann in unser Behandlungsangebot übernehmen, wenn ihr Nutzen bewiesen ist?“ Bobbert plädierte dafür, sich intensiv mit diesen und weiteren Fragen zur Digitalisierung zu befassen. „Am Ende müssen Kernanforderungen für eine Digitalisierung stehen, die sich an den tatsächlichen Bedürfnissen der Patienten ausrichten“, sagte er.

Der Unfallchirurg Priv.-Doz. Dr. med. Sebastian Kuhn, Universitätsmedizin Mainz, warb bei der Podiumsdiskussion dafür, „Mensch und Maschine als hybrides Arbeitsmodell“ zu sehen. Klinische Entscheidungsunterstützungssysteme schaffen ihm zufolge einen Mehrwert, ohne dass der Arzt dabei abgeschafft würde. Mit Blick auf das geplante DVG und die „Apps auf Rezept“ verwies er zudem darauf, dass – anders als bei Medizinprodukten – der Nutzennachweis bei Apps voraussichtlich erst im realen Betrieb möglich sei. Das setze ein Grundverständnis der Ärzteschaft für Apps voraus. Ärzte müssen ihm zufolge einen Überblick über wichtige, vertrauenswürdige Apps in ihrem Fachgebiet haben. „Wir brauchen daher eine vertrauenswürdige Ressource für uns Ärzte, aber auch für die Bürger“, forderte er. Nötig seien zudem Kompetenzen, wie Apps sinnvoll in einen Behandlungsablauf zu integrieren sind.

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Plädoyer für Offenheit trotz anfänglichem Mehraufwand

Erik Boddendieck, Präsident der Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer und Co-Vorsitzender des Digitalisierungsausschusses der BÄK, plädierte am Ende für einen offenen Umgang mit den neuen Möglichkeiten: „Das Implementieren der neuen Behandlungsmethoden wird erst einmal eine Menge an Mehraufwand für Ärzte und Psychotherapeuten bedeuten“, betonte er. „Wir werden in der nächsten Zeit lernen müssen, damit umzugehen.“ Zwar sei klar: „Digitale Angebote werden Ärztinnen und Ärzte nicht ersetzen. Denn oft brauchen wir für unsere Arbeit alle fünf Sinne. Das kann keine Maschine leisten.“ Digitale Anwendungen könnten aber sinnvolle Hilfsmittel sein, um die Patientenversorgung weiter zu verbessern. Heike E. Krüger-Brand

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